| Weißer Fleck - erblich oder nicht? |
Oh Schreck †ein weißer Fleck! Woher kommt der und ist das erblich?
Manchmal bringt ein kleiner weißer Kehlfleck bei Katzen ohne Weißscheckung und ohne dominantes Weiß die Gemüter in Aufruhr. Weil solche kleinen Ausrutscher in der Vergangenheit, und bei manchen auch noch heute, als Minimalscheckung bezeichnet werden, kommt es leider immer wieder zu gegenseitigen Anschuldigungen unter Züchtern, dass die Zucht nicht â€sauber†sei. Es wird, abgeleitet von dem falschen Begriff Minimalscheckung, unterstellt, dass sich hier eine erbliche Scheckung eingeschlichen habe und dass die Zucht mit solchen Katzen nicht in Ordnung sei.
Das Fatale daran ist, dass solche weiße Flecken, die ja nur eine minimale Größe haben (weniger als 1 mm bis wenige mm) insbesondere bei einfarbigen kurzhaarigen Tieren ins Auge fallen (Britisch Kurzhaar, Chartreux, Russisch Blau u.a.).
Um den Stellenwert eines Kehlflecks richtig einschätzen zu können muss man zuerst wissen, wie die Fellfarbe entsteht, wie die Farbe sozusagen ins Fell kommt. Die Pigmente sind Komplexe aus Eiweißen und den eigentlichen Farbstoffen Melanin oder Phäomelanin und können nur in bestimmten Zellen, den Melanozyten gebildet werden. Von dort aus werden sie in den Follikel transportiert und in das wachsende Haar eingelagert. Fehlen Melanozyten in der Nähe eines haarbildenden Follikels, bleibt das Haar farblos und sieht für uns weiß aus, wie eben ungefärbtes Keratin, aus dem das Haar als totes Hautanhangsgebilde besteht. Also erhebt sich daraus die nächste Frage: Wie kommen die Melanozyten in die Haut? Die Embryonalentwicklung beginnt damit, dass sich die befruchtete Eizelle teilt. Es entsteht ein Zellhaufen. Daraus entsteht durch eine Hohlraumbildung eine Zellkugel, die Morula. Am Ende des Morula-Stadiums beginnen die Einfaltungen zur Organbildung. Eine der ersten Einfaltungen führt zu einem Schlauchförmigen Gebilde, dem Neuralrohr. Aus ihm entwickelt sich hauptsächlich das Nervensystem. Aber bestimmte Zellen aus dem Neuralrohr begeben sich auf Wanderschaft und sind an der Bildung ganz anderer Organe beteiligt. So auch die Melanoblasten als Vorläufer der pigmentproduzierenden Zellen der Haut. Es handelt sich dabei um wenige Zellen (ca. 34), die als primäre Melanoblasten die Neuralleiste verlassen und zur späteren Körperoberfläche wandern. Wenn sie sich gleichmäßig verteilt haben, was wahrscheinlich durch chemische Botenstoffe signalisiert wird, stellen die Melanoblasten ihre Wanderung ein und beginnen sich zu teilen. Die aus den Teilungen der Melanoblasten entstehenden Zellen sind die Melanozyten. Damit die ganze Körperoberfläche mit Melanozyten versorgt wird gibt es auch hier wieder einen Steuerungsmechanismus. Die Teilungstätigkeit der Melanoblasten hört erst auf, wenn alle Melanozyten signalisieren, dass sie ringsherum Kontakt mit anderen Melanozyten haben, wenn also die ganze Oberfläche lückenlos mit Melanozyten besetzt ist.
Wenn dabei ein kleiner Fehler passiert, also ein Signal nicht richtig ankommt oder interpretiert wird, dann wird die Teilungstätigkeit zu früh beendet und kleiner Teil der Haut bleibt ohne Melanozyten. Dort wachsen dann farblose Haare und kleiner weißer Fleck ist entstanden. Das ist allein ein geringfügiger Fehler in der Embryonalentwicklung und keinesfalls erblich, sondern individuell. Dieser Ausrutscher passiert, wenn überhaupt, dann, wenn dieser Entwicklungsschritt schon fast am Ende ist. Da die ganze Sache in der Neuralleiste ihren Ausgang nimmt, ist das Ende des Entwicklungsvorgangs in den vom späteren Zentralnervensystem (Gehirn und Anhänge, Rückenmark und Wirbelsäule) am weitesten entfernten Körperregionen erreicht. Das sind Bauch, Brust (Medaillon) und Vorderpfoten.
Um den nichterblichen weißen Fleck von der erblichen Weißscheckung abzugrenzen einige Erläuterungen dazu. Das piebald (white) spotting und die daraus abgeleitete Bezeichnung Weißscheckung wird dominant vererbt. Das Scheckungs-Gen hat zwei Allele, den Wildtyp s und das mutierte S. Farbige Katzen sind immer homozygot rezessiv (s/s), gescheckte können heterozygot (S/s) oder homozygot sein (S/S). Keine farbige Katze kann Scheckung tragen oder verdeckt über mehrere Generationen weitergeben, das geht nur mit rezessiv veranlagten Merkmalen.
Die Scheckung wird in verschiedene Grade eingeteilt, von 0 = Minimalscheckung bis 9 = fast vollständig oder vollständig weiß. Hier entseht der gedankliche aber falsche Zusammenhang mit dem weißen Kehl- Bauch- oder Pfotenfleck, denn die erbliche Minimalscheckung betrifft die gleichen Köperregionen †nur die Flächen sind mindestens um den Faktor 10 größer (von einigen cm2 bis ganz weiß) als bei einem nichterblichen weißen Fleck. Wie entseht nun die Scheckung? Auch hier spielt die oben geschilderte Embryonalentwicklung eine Rolle. Aber nicht bedeutungslose Kommunikationsprobleme beenden die Ausstattung mit Melanozyten, sondern viel schwerwiegendere Einflüsse des Scheckungs-Allels S. Die Anzahl der primären Melanoblasten ist durch den Einfluss des S-Allels verringert (2, 4, 8 oder 16). Also sind die primären Melanoblasten am Ende ihrer Wanderung viel weiter voneinander entfernt. Jetzt kommt ein zweiter Mechanismus ins Spiel, der die Teilungstätigkeit beendet †das jeder Zelle innewohnende Teilungspotenzial. Jede Zelle kann nur eine bestimmte Anzahl von Teilungen durchführen, dann endet ihre Teilungstätigkeit auf natürliche Weise. Es bleiben also größere Hautbezirke ohne pigmentbildende Melanozyten, die Katze ist weißgescheckt.
Es besteht also ein gewaltiger Unterschied in der Entstehung zweier Phänomene, die fatalerweise den gleichen Namen tragen. Bei allen kleinen weißen Flecken, die an Brust oder Bauch auftreten, sollte man die erbliche Minimalscheckung gar nicht erst in Betracht ziehen und diesen Begriff auch tunlichst vermeiden. Natürlich sind Tiere, die so einen Fleck haben, nicht immer für eine Ausstellung geeignet, da sie so nicht dem Rassestandard entsprechen. Aber es gibt überhaupt keinen Grund diese Tiere von der Zucht auszuschließen oder gar wegen eines angeblichen Erbfehlers zu kastrieren oder sterilisieren †oder einen Züchter, der ein solches Tier in seinem Bestand hat, zu diskriminieren. Ein kleiner weißer Fleck kann bei jeder Zucht einmal auftreten †und meistens bleibt er sogar unentdeckt. |